Drei Fragen an Uwe Klemens zur Digitalisierung

Ulrike Hauffe (Bild: photothek)

„Gesundheit und Krankheit haben ein Geschlecht“

Die ehemalige Bremer Landesfrauenbeauftragte und Diplom-Psychologin war schon lange vor der Sozialwahl 2005 als ausgewiesene Expertin für Frauengesundheit und Frauengesundheitspolitik bekannt. Als eine Liste der BARMER sie bat, ihre Kompetenzen in die Selbstverwaltung einzubringen, nahm sie an. Heute ist sie stellvertretende Vorsitzende des Verwaltungsrates.

Frauen und Männer sind unterschiedlich krank und unterschiedlich gesund. Wird die geschlechtersensible Medizin genügend berücksichtigt?

Das ist noch ein weiter Weg, aber zum Beispiel die deutschlandweit einzige Professur für Frauenspezifische Gesundheitsforschung mit Schwerpunkt Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die Prof. Dr. Vera Regitz-Zagrosek in Berlin inne hat, zeigt, dass sich etwas tut. Die Einsicht, dass Krankheit und Gesundheit ein Geschlecht haben, setzt sich auch in der Krankenversicherung immer mehr durch. Wir brauchen eine geschlechtersensible medizinische Forschung, die sich nicht auf Gynäkologie und Geburtsmedizin beschränkt. Durch sie erhalten wir als Krankenkassen die notwendige Datenbasis, um Frauen gezielt Leistungen anbieten zu können. Eins lässt sich aber durch unsere Datenauswertung schon heute mit Sicherheit sagen: Das Klischee, dass Frauen öfter krank seien, weil sie öfter medizinische Leistungen nutzen, ist falsch. Frauen reagieren früher auf erste Symptome und werden aktiv.

Die Gesundheitsinteressen von Frauen sind ein wichtiger Schwerpunkt Ihres Engagements. Was sind Ihre zentralen Anliegen und Ziele?

Wir müssen weg von der Pathologisierung des weiblichen Körpers. Das fängt oft schon im Jugendalter beim Thema Menstruation an und reicht bis zu den Früherkennungsuntersuchung für Frauen. Der Fokus liegt zu oft auf der Krankheit und zu wenig auf einer Stärkung der Gesundheit. Aufklärungsarbeit ist da ein zentrales Anliegen für mich. Wir haben mit Expertinnen und Experten eine ganze Reihe an Materialien auf den Weg bringen können. Sie unterstützen Mädchen und Frauen darin, ihre Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen und vor allem selbstbewusst zu entscheiden. Wir fangen schon im Schulalter an, beiden Geschlechtern gerecht zu werden. Dabei gilt es, gezielt an den Interessen von Mädchen und Jungen anzusetzen. Als Verwaltungsräte in Krankenkassen können wir unter anderem darauf hinwirken, Männer besser für Präventionsangebote zu motivieren. Dabei bedarf es nicht zuletzt einer spezifischeren Ansprache, um männliche Zielgruppen zu erreichen.

In der Selbstverwaltung der Krankenkassen gibt es deutlich mehr Männer als Frauen. Ist auch hier ein Umdenken notwendig?

Das Umdenken muss vor allem in der Gesellschaft und der Politik stattfinden. In der Regel leisten Frauen erheblich mehr Arbeit im Haushalt, bei der Kindererziehung und Versorgung von Verwandten – und das neben ihrer Erwerbsarbeit und ihrem ehrenamtlichen Engagement. Das muss nicht nur im Rentensystem mehr berücksichtigt werden. Für die Frauen, die Erwerbsarbeit, Familie und ehrenamtliches Engagement in der Selbstverwaltung zusammen bringen können, brauchen wir eine Quote. Das Ehrenamt demokratisiert eine Gesellschaft, deren eine Hälfte weiblich ist.